Nádas, Péter
geb. 1942 in Budapest, lebt dort und in Gombosszeg / Ungarn, Mitglied der Akademie der Künste. Auf deutsch erschienen zuletzt »Schreiben als Beruf« und »Schauergeschichten. Roman« (beide 2022). (Stand 3/2026)
Siehe auch SINN UND FORM:
- 3/1997 | Minotauros
- 5/2005 | Es ist nicht möglich niemanden zu lieben
- 2/2013 | »Wir versuchen, mit dem Chaos zu leben«. Gespräch mit Jörg Magenau
- 3/2026 | »Ich bin das Chaos«. Ein Gespräch mit Ralph Schock über Ordnung und Struktur im Roman und die Vorzüge der ungarischen Sprache
RALPH SCHOCK: Sie haben einmal erzählt, daß Sie zwölf Jahre lang an den 1300 Seiten Ihres 1985 erschienenen Romans »Buch der Erinnerung« (...)
LeseprobeNádas, Péter
»Ich bin das Chaos«
Ein Gespräch mit Ralph Schock über Ordnung und Struktur im Roman und die Vorzüge der ungarischen Sprache
RALPH SCHOCK: Sie haben einmal erzählt, daß Sie zwölf Jahre lang an den 1300 Seiten Ihres 1985 erschienenen Romans »Buch der Erinnerung« gearbeitet haben. Sie hatten damals zwei Jahre lang fast nur auf dem Bett gelegen und Ihren Erinnerungen und Phantasien nachgehangen. War es bei den »Parallelgeschichten« auch so?
PÉTER NÁDAS: Es war ganz einfach eine tiefe Depression und ich konnte nicht mehr aufstehen. Was hatte ich machen sollen? Ich lag im Bett und es kamen Bilder. Aus der Depression, besser gesagt, aus dem großen Kampf mit der Depression ist das Buch entstanden. Die Depression war ein Merkmal der Diktatur. Unbewußte Selbstzerstörung. Ungarn war führend in den Selbstmordstatistiken. Das war allerdings schon in der kaiserlichen und königlichen Monarchie so, es gab in Ungarn auch damals ungemein viele Selbstmörder und Alkoholiker – ein typisches Merkmal der Ohnmacht.
SCHOCK: Aber war diese Depression auch eine Ursache für die Entstehung der »Parallelgeschichten«?
NÁDAS: Nein, umgekehrt. Inmitten der Diktatur ein Werk wie das »Buch der Erinnerung« zu schreiben war ein starker Akt. Ich habe mich mit dem Buch von der Depression verabschiedet, mich sozusagen befreit. Aber wenn ich die »Parallelgeschichten« nicht entworfen hatte, hatte ich das »Buch der Erinnerung« überhaupt nicht beenden können. Daß ich die Vorstellung von einem nächsten Buch hatte, half mir. Das »Buch der Erinnerung« hat eine geschlossene Form, mit der ich nicht zufrieden war. Einen Erzählstrang zu Ende zu erzählen macht mir zwar keine Schwierigkeiten, aber ich halte den sogenannten Plot ganz einfach für eine Lüge: die abgerundete Geschichte, die sogenannte Lebensgeschichte, die wir nicht haben, die aber die Personalchefs brauchen. Wir wissen über unser Lebensende nichts und wir wissen auch vom Anfang wenig. Warum einer solchen literarischen Konvention folgen? In einer Welt, in der es einen Gott gibt, soll es auch Anfang und Ende geben. Aber seit langem leben wir in einer Welt, in der es keinen Gott mehr gibt oder Gott nicht mehr Gott ist. Wir glauben einfach nicht mehr an göttliche Wirkungsmechanismen. Der Wirkungskreis der Vorsehung war mit Auschwitz abgesteckt. Diese große Wende hat die literarischen Erzählweisen quasi unberührt gelassen, und ich halte das für eine Lüge. Auch die Theologie hat keine Antwort darauf. Das wollte ich nicht mehr tolerieren. Ich wollte meine Geschichten wohl zu Ende erzählen, aber auch eingestehen, daß ich dazu nicht fähig bin. Wenn ich beides mache, entsteht eine Spannung, die der Epoche viel mehr gerecht wird.
SCHOCK: Die »Parallelgeschichten« sind 2005 in Ungarn erschienen. In Paris haben Sie die französische Übersetzung vorgestellt, die deutsche präsentieren Sie im Rahmen einer Lesereise in Osterreich, Deutschland und der Schweiz. Wie empfinden Sie die Wiederbegegnung mit diesem Werk?
NÁDAS: Die Begegnung war nie abgebrochen, weil ich die Entstehung der Übersetzungen begleitet habe. Mehrere Übersetzer haben gleichzeitig daran gearbeitet und alle hatten Fragen und Probleme. Dabei wurden viele Fehler entdeckt, die ich an den Verleger weitergeleitet habe, der die ungarischen Ausgaben immer wieder korrigierte. Ich habe immer viel von Übersetzern gelernt, auch von denen, deren Sprache ich nicht kann, denn es gibt Ausdrucke und Stellen, die nicht zu übersetzen sind. Trotzdem muß man dafür Lösungen finden. Einerseits konnte ich mich also von dem Buch nicht wirklich lösen, andererseits kenne ich meine Texte natürlich nicht auswendig.
SCHOCK: Das wäre wohl auch etwas viel verlangt.
NÁDAS: Ich vergesse sie, wie ein Schauspieler nach der letzten Vorstellung. Ich beschäftige mich nicht mehr damit, weil dies ein Hindernis beim nächsten Schritt wäre. Es ist genug, daß man die Probleme kennt, die man nicht lösen konnte.
SCHOCK: Sie sprachen eben von Fehlern, die durch die Arbeit an den Übersetzungen entdeckt wurden. Sind das historische Irrtümer?
NÁDAS: Alles mögliche, zum Beispiel Jahreszahlen, die nicht stimmten, oder, was für einen Autor schwerer wiegt: Jemand hat auf Seite 270 blaue Augen und auf Seite 890 schwarze. Oder ein Geburtsjahr kann nicht stimmen, weil es anderen Daten widerspricht. Ich hatte einfach falsch gerechnet.
SCHOCK: Ihre Übersetzerin ins Deutsche ist Christina Viragh, Sie waren mehrfach bei ihr in Rom. Können Sie die Art der Zusammenarbeit beschreiben? Sie sagten, es gebe unübersetzbare Wendungen. Das ist wohl nur ein Problem unter vielen. So existiert im Ungarischen nur eine Vergangenheitsform. Ein vorzeitiges Geschehen, wie man es im Deutschen mit dem Plusquamperfekt ausdruckt, kann man in den Verbformen gar nicht erkennen.
NÁDAS: Im Ungarischen gibt es zwar Geschlechter, aber die Wörter haben kein Geschlecht. Das ist ein Problem, denn ich kann im Ungarischen eine lange Passage über die Liebe schreiben, ohne zu verraten, ob das Gegenuber ein Mann oder eine Frau ist. Ich kann damit so lange spielen, wie ich will, während man im Deutschen und leider auch in fast allen anderen Sprachen gleich Farbe bekennen muß. Ein anderer Punkt betrifft die Länge der Sätze. Die deutsche Sprache hat diese wunderbare Konstruktionsweise des Satzrahmens. Man kann einen Satz ohne weiteres in die Länge ziehen und viel darin unterbringen. Im Ungarischen geht das nur formal, außerdem gibt es weniger trennbare Verben. Man kann zwar gewisse Verben trennen, aber die Einzelteile nicht als Elemente der Satzkonstruktion verwenden. Dennoch sind die sprachlichen Unterschiede nicht das Hauptproblem, sondern eher die kulturellen. Dann das nächste: der Rhythmus der Sprache. Ich schreibe nicht, sondern musiziere. Das meine ich ganz ernst. Man findet seine Sprachmusik erst spät. Das habe ich bei Thomas Mann gelesen, dem es auch so ging. Wie kann eine Sprachmusik übersetzt werden? Eigentlich gar nicht, weil sie aus der Lautgestalt der Wörter entsteht. Die Übersetzung ist eine Transposition. Wenn sie nicht gelingt, bleibt der Text tot.
SCHOCK: Konnten Sie sich denn mit der Musikalität von Christina Viragh anfreunden? Hat sie Ihren Ton, Ihre Sprachmusik getroffen? Erkennen Sie Ihren eigenen Rhythmus noch?
NÁDAS: Sie hat ihn gefunden. Ich habe großes Glück mit meinen Übersetzern. Auch Hildegard Grosche, die das »Buch der Erinnerung« übersetzte, hat diesen Rhythmus gefunden.
SCHOCK: Sie schreiben und veröffentlichen gelegentlich auch auf deutsch, ohne den Umweg über eine Übersetzung.
NÁDAS: Das mache ich nur notgedrungen und recht selten. Und selbst dann wird es von meiner Lektorin Ingrid Krüger verbessert. Im Grunde äfft man dabei eine fremde Sprache nach, aber ich bin dafür da, selbst etwas zu schaffen. Die deutsche Sprache werde ich sicher lebenslang erlernen, und das mit Genuß. Aber ich bin nicht zweisprachig, das Deutsche ist nur eine mir wohlbekannte Fremdsprache.
SCHOCK: Der Roman hat zwei topographische Zentren, Berlin und Budapest, ist aber in dem winzigen ungarischen Dorf Gombosszeg entstanden. War die Abgeschiedenheit, die Distanz zum großstädtischen Leben die Voraussetzung dafür, daß Sie sich diesen Metropolen literarisch annähern konnten?
NÁDAS: Man sucht sich einen Brutplatz, und das ist Gombosszeg für mich. Phantasie und Erfahrung hat man ja. Ob dieser Brutplatz in Budapest, Berlin, New York oder Gombosszeg ist, tut nichts zur Sache. Ich mag die Stille, die Ruhe, die Abgeschiedenheit. Es ist nicht notwendig für mich, ständig von Menschen umgeben zu sein und so viel zu plaudern wie jetzt.
SCHOCK: Das Buch beginnt wie ein Krimi, man findet eine Leiche. Aber es ist kein Krimi. Warum haben Sie diesen Einstieg gewählt?
NÁDAS: Mich hat schon immer die Frage bewegt, weshalb um Gottes willen wir dieses andauernde Interesse an Kriminalfallen haben. Ich meine nicht die Wirtschaftskriminalität, die uns eher kaltläßt, obwohl das viel interessanter ist, denn dazu muß man erfindungsreicher sein. Sondern immer wieder diese Tötungsdelikte, die Mordopfer, die irgendwo entdeckt werden, und dann läuft alles nach dem gleichen Schema ab: Jemand, der den Getöteten nicht kennt, findet den Täter. Die Beweggründe werden aufgedeckt, die Täter verhaftet. Ich bin an der Lösung nicht besonders interessiert, weil sie vorgegeben ist und nicht der Wahrheit entspricht. Die unaufgedeckten Mordfälle liegen statistisch immer höher als die aufgedeckten. Und ich interessiere mich auch nicht für die Schauspielerei im Fernsehkrimi, denn die ist genauso banal. Selbst die besten Schauspieler wurden dabei auf der Strecke bleiben: banale Handlung, banales Spiel, aber wenn man dabeibleibt, interessiert es einen dann doch.
SCHOCK: Man wird gefangengenommen.
NÁDAS: Man wird von der eigenen Epoche gefangengenommen. Man genießt die letzten Reste, die letzten Zeichen der Aufklärung. Der Tag ist von Irrungen und Wirrungen, von Lärm und Chaos erfüllt, aber wenigstens am Abend wird etwas aufgeklart. Ich bin also davon ausgegangen, das Interesse daran besteht, etwas aufzuklären. Und ich kläre sicher auch viel auf, nur nicht das, wonach gerade gesucht wird.
SINN UND FORM 3/2026, S. 332-340, hier S. 332-335