Buch, Hans Christoph
geb. 1944 in Wetzlar, Romane, Reportagen, Essays, Übersetzungen, lebt in Berlin. Zuletzt erschienen »Vom Bärenkult zum Stalinkult« und »Der Flug um die Lampe« (beide 2024). (Stand 2/2026)
Siehe auch SINN UND FORM:
- 2/2015 | Als werde ein Buch erwartet. Erinnerungen an den Literaturbetrieb (I)
- 5/2015 | Helden des Rückzugs. Erinnerungen an den Literaturbetrieb (II)
- 2/2016 | Die Geburt des Romans aus dem Geist des Cargo-Kults. Eine Robinsonade
- 3/2017 | Bagatellen zum Massaker oder Der Schriftsteller ist zu größerer Verworfenheit fähig als andere Menschen
- 6/2017 | Nachmittag eines Nobelpreisträgers. Über Joseph Brodsky
- 1/2020 | Wo die wilden Kerle wohnen. Laudatio auf Berthold Zilly
- 6/2021 | Vorgebirge der Nasen. Eine Abschweifung
- 3/2024 | Groß und klein. Ein Motiv schreibt sich fort
- 2/2026 | Wie ein Fuchs im Pelzladen. Begegnungen mit Viktor Schklowski
1 "Ein Schriftsteller ist eine Person, die sich der Illusion hingibt, es werde ein weiteres Buch von ihr erwartet." Diese Definition der literarischen Tätigkeit stammt von Reinhard Lettau, der seine "creative writing"-Seminare in Kalifornien mit den Sätzen zu eröffnen pflegte: "Wer von ihnen interessiert sich für Kriminalromane oder für Science Fiction? Alle, die sich gemeldet haben, verlassen sofort den Saal, denn ich unterrichte nur Literatur!" Damit waren Kleist und Kafka gemeint, sowie drei oder vier Werke der Weltliteratur: Von "Werthers Leiden" über "Heinrich von Ofterdingen" bis zu "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte". Qualität war Reinhard Lettau wichtiger als Quantität, und seine eingangs zitierte Formel ist nicht nur witziger, sondern auch zutreffender als viele akademische Definitionen, weil sie den neuralgischen Punkt benennt, an dem sich spontanes Schreiben vom Beruf des Schriftstellers scheidet. (...)
LeseprobeBuch, Hans Christoph
ALS WERDE EIN BUCH ERWARTET
Erinnerungen an den Literaturbetrieb (I)
1
»Ein Schriftsteller ist eine Person, die sich der Illusion hingibt, es werde ein weiteres Buch von ihr erwartet.« Diese Definition der literarischen Tätigkeit stammt von Reinhard Lettau, der seine »creative writing"-Seminare in Kalifornien mit den Sätzen zu eröffnen pflegte: »Wer von ihnen interessiert sich für Kriminalromane oder für Science Fiction? Alle, die sich gemeldet haben, verlassen sofort den Saal, denn ich unterrichte nur Literatur!« Damit waren Kleist und Kafka gemeint, sowie drei oder vier Werke der Weltliteratur: Von »Werthers Leiden« über »Heinrich von Ofterdingen« bis zu »Peter Schlemihls wundersamer Geschichte«. Qualität war Reinhard Lettau wichtiger als Quantität, und seine eingangs zitierte Formel ist nicht nur witziger, sondern auch zutreffender als viele akademische Definitionen, weil sie den neuralgischen Punkt benennt, an dem sich spontanes Schreiben vom Beruf des Schriftstellers scheidet. Bekanntlich ist das zweite Buch das schwierigste, weil der angehende Autor seine Unschuld verloren hat – so wie der Jüngling in Kleists Marionettentheater, der beim Blick in den Spiegel die eigene Grazie entdeckt. Eine bestürzende Einsicht, die das Weiterschreiben erschwert oder unmöglich macht.
»Ein Schriftsteller ist eine Person, die sich der Illusion hingibt, es werde ein weiteres Buch von ihr erwartet«: In dieser Formulierung ist auch die Möglichkeit enthalten, daß mit dem Schreiben Schluß sein könnte, weil dem Autor nichts mehr einfällt, weil das Publikum sich von ihm abwendet oder weil der Tod ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Aber ich will die Geschichte nicht vom Ende her erzählen, sondern von Anfang an. Der Einfachheit halber beginne ich bei mir selbst.
2
Im Herbst 1963 erhielt ich von einem mir unbekannten Absender einen Brief mit folgendem Wortlaut:
München, den 29. Sept. 1963
Sehr geehrter Herr Buch,
falls Sie auf der diesjährigen Tagung der Gruppe 47 sich an den Lesungen beteiligen wollen, sind Sie zu dieser Tagung herzlichst eingeladen. Die Tagung beginnt am 24. Oktober (Anreisetag) und ist bis zum 28. Oktober. Die Lesungen beginnen am Freitagfrüh um 10 Uhr.
Ort: Saulgau (Württemberg) im Hotel Kleber-Post. Sie können sich ein Zimmer direkt im Hotel bestellen. Bitte geben Sie mir aber Bescheid, ob Sie kommen oder nicht. Mit den besten Grüßen bin ich unbekannterweise
Ihr
Hans Werner Richter
Dieser Brief sollte mein Leben verändern, aber das ahnte ich damals noch nicht. Ich war neunzehn Jahre alt und hatte kurz zuvor am Bonner Beethoven-Gymnasium Abitur gemacht. Zwar wußte ich, was die Gruppe 47 und wer ihr Vorsitzender war, aber von Hans Werner Richter hatte ich keine Zeile gelesen, und die mit seinem Namen verbundene Nachkriegsliteratur ließ mich kalt – das Wort »Kahlschlag « beschrieb die Sache nur allzu genau. Von meinem ersten selbstverdienten Geld hatte ich mir die bei Schocken Books und S. Fischer erschienene Gesamtausgabe der Werke Franz Kafkas gekauft und von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen – nein, durchgeackert. Auch die beiläufigste Bemerkung in Kafkas Briefen und Tagebüchern war mir wichtiger als Koryphäen der Gegenwartsliteratur wie etwa Martin Walser und Günter Grass, dessen »Blechtrommel« ich abgeschmackt fand. Ich weiß nicht, was mir damals mehr mißfiel: der barock verschnörkelte Stil des Romans oder sein Programm der Vergangenheitsbewältigung, das mir wie die Negativfolie der Kriegserlebnisse erschien, mit denen unser Deutschlehrer uns in der letzten Stunde vor den Ferien langweilte. Erst Jahre später wurde mir bewußt, wie einseitig und ungerecht mein apodiktisches Urteil gewesen war – Ausdruck des Absolutheitsanspruchs einer Jugend, die sich nicht an der vorigen Generation orientiert, sondern an der vorvorigen: Bekanntlich verläuft die Traditionslinie nicht gerade, sondern im Zickzack, und die literarische Erbfolge geht nicht vom Vater auf den Sohn, sondern vom Großvater auf den Enkel oder vom Onkel auf den Neffen über.
Neben der Heiligen Dreifaltigkeit Franz Kafka, Robert Walser und Robert Musil duldete ich keine anderen Götter in meinem Bücherregal – mit einer Ausnahme: Peter Weiss, selbst Kafka-Epigone, dessen autobiographische Romane ich heimlich unter der Schulbank las. In den Osterferien 1963 trampte ich nach Stockholm, um dem Autor von »Fluchtpunkt« und »Abschied von den Eltern« meine Aufwartung zu machen. Seine experimentelle Prosa »Der Schatten des Körpers des Kutschers« erschien mir damals unüberbietbar. Das war kein bloßes Geschmacksurteil, sondern eine bewußte Vorentscheidung, weil das Wie des Schreibens mir wichtiger war als das Was: Thema, Sujet, Handlung, Fabel, Stoff oder wie immer man es nennt. Selbst im Zeichen der Politisierung, als platter
Inhaltismus an die Stelle des Formalismus der sechziger Jahre trat, hielt ich an dieser ursprünglichen Erkenntnis fest, die ich in der Folgezeit zwar partiell revidieren, aber nie zurücknehmen mußte – sie hat mich dauerhaft immunisiert gegen jede Art von Agitprop und vordergründigem Engagement.
Die Begegnung mit Peter Weiss verlief so, wie Henry James in seinen »Stories of Writers and Artists« Pilgerfahrten junger Talente zu berühmten Kollegen schildert: Den Erwartungen ihrer ungebetenen Besucher werden sie zwar nie gerecht, doch zuweilen lassen sie mit einer eher beiläufigen Bemerkung eine reiche Saat aufgehen. Peter Weiss empfahl mir Rolf Hochhuths »Stellvertreter « und »Schwierigkeiten beim Häuserbauen« von Reinhard Lettau, den ich sofort in mein literarisches Pantheon aufnahm, während ich mit Hochhuths Stück nicht viel anfangen konnte: Erst später begriff ich, daß sein »Stellvertreter « bei Peter Weiss’ »Ermittlung« Pate gestanden hatte und indirekt auch beim Marat-Sade-Buch, aus dem Weiss vorlas, als ich ihn im Herbst 1963 bei der Tagung der Gruppe 47 wiedersah. Aber ich bin dabei, den Ereignissen vorzugreifen.
Im Frühjahr 1963 hatte ich meine ersten Schreibversuche an den Suhrkamp Verlag geschickt: Epigonale Kurzgeschichten im Orbit von Kafka und Peter Weiss, die ich im Schulunterricht oder in den großen Ferien, während ich bei der Bonner Post Nachtdienst schob, ersonnen, auf holzfreies Papier getippt und ohne große Hoffnung in einen Din-A-4-Umschlag gesteckt hatte. Zu meiner Überraschung erschienen einige meiner Texte in einer Anthologie junger Autoren, und bald darauf erhielt ich den eingangs zitierten Brief von Hans Werner Richter, den der Herausgeber Martin Walser – vielleicht war es auch der Verleger Siegfried Unseld – auf mich aufmerksam gemacht hatte.
Ich war der jüngste Teilnehmer der Tagung und wußte selbst nicht, wie mir geschah. Damals, im Herbst 1963, machte ich mir noch keine Aufzeichnungen; erst Jahre später brachte ich meine Erlebnisse in Saulgau zu Papier, in einer Erzählung, die ich im Frühjahr 1966 in Princeton vorlas, wo Peter Handke das Sterbeglöckchen für die Gruppe 47 läutete. Hier ein Ausschnitt aus dem als Fortschreibung von Flauberts »Erziehung der Gefühle« konzipierten Text:
»Einzeln oder in kleinen Gruppen kamen sie durch die Tür: Verleger und Mäzene, Journalisten und Kritiker, Schriftsteller aller Altersgruppen und Couleurs; Veteranen, die Dutzende von Literaturen überdauert hatten, neben Rekruten, denen der erste Bart ums Kinn stand; der Verkannte Seite an Seite mit dem Überschätzten; das Wunderkind im Gespräch mit dem Geheimtip; die verkrachte Existenz Arm in Arm mit der nationalen Institution. Die Anzüge, von weitem, bildeten eine einzige dunkle Masse, unterbrochen hie und da durch das Weiß eines Kragens, den Farbtupfer einer Krawatte; die grauen Haare, die Brillen waren zahlreich; dazwischen leuchtete ein blanker Schädel, und die Gesichter, gerötet oder sehr blaß, trugen Spuren einer unausrottbaren Müdigkeit. Ich habe zehntausend Mark Schulden und rauche Opium, sagte eine junge Dichterin, eine Sphinx mit schwarzlackierten Fingernägeln und totenblassem Gesicht: Lesen Sie?«
Der Name der Sphinx war Gisela Elsner, und ihre Frage ergab nur im Kontext der Gruppe 47 einen Sinn, denn das Verb »lesen« ist transitiv und wird normalerweise nur mit Akkusativobjekt gebraucht. Ich trug eine Kurzgeschichte über eine archäologische Ausgrabung vor, die buchstäblich im Sande verläuft. Während ich las, sah ich aus den Augenwinkeln, wie der in der ersten Reihe sitzende Marcel Reich-Ranicki die Stirn in bedenkliche Falten legte und sein Nebenmann Walter Jens sich die Haare raufte, was nichts Gutes verhieß. Dabei war ich mir sicher gewesen, daß mein Text preiswürdig war – nicht aus Überheblichkeit, sondern aus jugendlicher Unkenntnis. Der kurz zuvor von Leipzig nach Tübingen übergesiedelte Ernst Bloch deutete das Vorgelesene als Produkt spätbürgerlicher Dekadenz, die mit eisernem Besen ausgefegt werden müsse, und beförderte mich mitsamt meinem Manuskript auf den Müllhaufen der Geschichte. Hans Mayer hielt ein extemporiertes Kolleg, in dem er meinen Text literarhistorisch einordnete, und Reich-Ranicki – vielleicht war es auch Walter Jens – dekretierte, die Geschichte tauge nichts und sei für denkende Menschen eine Zumutung, während Hans Magnus Enzensberger und Günter Grass von gewolltem Leerlauf sprachen, der sie an Slapstick-Komödien und absurdes Theater erinnere. Aber anstatt Ankläger und Verteidiger Revue passieren zu lassen, zitiere ich lieber noch einmal aus der unter dem Eindruck des Gruppentreffens entstandenen Erzählung:
»Der Kritiker A. empfand ein gewisses Unbehagen. Der Kritiker B. verstand nur zu gut das Unbehagen des Kritikers A. Welche Unwahrscheinlichkeiten, Verrenkungen und schreienden Übertreibungen! Ganz im Gegenteil, rief ein anderer: Ich finde das alles viel zu platt und prosaisch; wenn wir noch mehr solcher Texte bekommen, wird die Literatur zum bloßen Abklatsch der Wirklichkeit! Der Kritiker C. faßte die Äußerungen der Kritiker A. und B. mit denen ihres Kontrahenten zusammen und deutete sie als Symptome möglichen Verhaltens gegenüber dem Vorgelesenen. Man dürfe jedoch nicht vergessen, daß der Text mit verschiedenen Ebenen arbeite; auch seien Autor und Erzähler scharf voneinander zu trennen; die Frage sei nur, ob die Ebenen zu einer künstlerischen Einheit verschmolzen seien; andererseits enthalte der Text konstruktive Möglichkeiten, die der Autor nicht voll ausgeschöpft habe. Der Kritiker A. verwahrte sich dagegen, als Symptom betrachtet zu werden; man habe seine Ausführungen falsch referiert; und er wiederholte alles, was er schon einmal gesagt hatte …
Ein Verlagschef hatte eine ganz andere Geschichte gehört als seine Vorredner; er wollte sich erklären, da begann zwischen den Stühlen ein Hund zu bellen, und seine Worte gingen unter in allgemeinem Gelächter.«
So ähnlich, in Rede und Gegenrede, lief die Tagung ab, bis der Herbergsvater Hans Werner Richter die Diskussion mit einem Machtwort beendete: »Ich denke, damit ist alles gesagt!«
SINN UND FORM 2/2015, S.242- 252, hier S.242-246
1 – Ein Höhepunkt meines damals noch jungen Lebens war der Auftritt von Viktor Schklowski, Gründer des OPOJAZ (Gesellschaft zur Erforschung der (...)
LeseprobeBuch, Hans Christoph
Wie ein Fuchs im Pelzladen. Begegnungen mit Viktor Schklowski
1 – Ein Höhepunkt meines damals noch jungen Lebens war der Auftritt von Viktor Schklowski, Gründer des OPOJAZ (Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache) und Vordenker der Futuristen und Formalisten, im April 1970 in der Majakowski-Galerie am Kurfürstendamm. Schklowski war mit Majakowski befreundet, ebenso wie mit Gorki, der ihn unter seine Fittiche nahm, aber auch mit Alexander Blok, Sergej Jessenin, Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Isaak Babel, Jewgeni Samjatin, Welimir Chlebnikow, Wsewolod Meyerhold und Sergej Eisenstein, für den er Untertitel und Filmscripts verfaßte. Schon in jungen Jahren publizierte er die »Theorie der Prosa«, eine Kampfansage an die akademische Literaturwissenschaft, in der es heißt: »Um für uns die Wahrnehmung des Lebens wiederherzustellen, die Dinge fühlbar, den Stein steinig zu machen, gibt es das, was wir Kunst nennen. Ziel der Kunst ist (…) ein Empfinden, das Sehen und nicht nur Wiedererkennen ist. Dabei benutzt die Kunst zwei Kunstgriffe: die Verfremdung der Dinge und die Komplizierung der Form, um die Wahrnehmung zu erschweren und ihre Dauer zu verlängern.«
Lenin und Trotzki hielten nicht viel von Avantgarde-Kunst und von einer Literatur, die sich lange vor der russischen Revolution aus überlebten Konventionen befreit und Grenzen niedergerissen hatte, wie dies auch in Westeuropa und Nordamerika beim Durchbruch der Moderne geschah: die Barriere zwischen Bühne und Publikum zum Beispiel oder die Grenze zwischen Literaturproduktion und Rezeption, Literaturkritik und Literaturwissenschaft, die sich für Nachbardisziplinen wie Linguistik und Ethnologie öffneten. Im Interregnum zwischen Lenins Tod und Stalins Machtergreifung gab es einen Pluralismus revolutionärer Stile und Ismen, die in offenem Meinungsstreit konkurrierten, bis das Dogma des sozialistischen Realismus die unfriedliche Koexistenz beendete.
2 – 1922 entzog Viktor Schklowski sich dem Zugriff der Sowjetjustiz, um nicht im Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre Partei (SR) aussagen zu müssen, die den Zaren gestürzt und Lenin zu töten versucht hatte – die Urheberin des Attentats, Fanny Kaplan, wurde im Alexandergarten neben dem Kreml erschossen. Er floh übers gefrorene Meer nach Finnland und von dort weiter nach Berlin, einer Hochburg russischer Emigranten, wo er Maxim Gorki, Andrej Bely, Ilja Ehrenburg und andere Gleichgesinnte wiedertraf. Hier entstand sein Elsa Triolet, der späteren Frau von Louis Aragon, gewidmetes Buch »Zoo oder Briefe nicht über die Liebe«, das mit einem Brief ans Zentrale Exekutivkomitee der UdSSR endet: »Ich kann in Berlin nicht leben. Meine ganze Lebensform, alle meine Angewohnheiten verbinden mich mit dem heutigen Rußland. (…) Die Revolution hat mich verwandelt. Ohne sie kann ich nicht atmen. (…) Ich erhebe die Hände und ergebe mich. Laßt mich nach Rußland heim, mich und mein bescheidenes Gepäck: Sechs Hemden (drei zu Hause, drei in der Wäsche), ein Paar gelbe Stiefel (…), eine alte blaue Hose, in die ich vergeblich Falten zu bügeln versuche.«
Gorki und Majakowski bürgten für ihn, und ein Jahr später kehrte Viktor Schklowski nach Rußland zurück.
3 – Jetzt aber, im April 1970, sitzt er leibhaftig auf dem Podium der Majakowski-Galerie in Charlottenburg, Zeitzeuge und zentraler Akteur einer Kulturrevolution, die nur partiell mit der Oktoberrevolution konform war, durch Hitlers Holocaust und Stalins Terror von Vergessen und Vernichtung bedroht – buchstäblich, nicht nur im übertragenen Sinn. Daß Viktor Schklowski jüdischer Herkunft war, wußte ich damals noch nicht. Mit seiner spiegelblanken Glatze wirkte er eher wie ein Kosaken-Hetman oder so, wie John Reed Mexikos Rebellenführer Pancho Villa geschildert hat – ein Zentaur mit blitzenden Augen, der druckreife Aphorismen von sich gibt: »Kunst ist der Ofen, der das Holz umformt; Lenin war eine rotierende Kugel, die ständig Reden hielt; Stalin war ein kaukasischer Adler, der seine Jungen aus dem Nest wirft.«
Ich war Slawistik-Student und sprach rudimentär Russisch, aber ich verstand nicht, was Schklowski mit dem Satz »U vas neprijatnaja stena!« meinte. Als mir einfiel, daß Wand und Mauer im Russischen Synonyme sind, bugsierte ich ihn zu meinem VW und wir fuhren, die Bewacher austricksend, zum Brandenburger Tor, wo Schklowski den Ausguck erklomm und mit Tränen, die der Wind ihm in die Augen trieb, sagte: »Das ist nicht das, wofür mein Sohn im Kampf um Berlin gefallen ist!« Ein historischer Ausspruch wie Kennedys »Ich bin ein Berliner« oder Reagans »Mr. Gorbatchev, tear down this wall!«
4 – Das ist nur die halbe Wahrheit, denn ich wußte zwar, daß Schklowski sich in einem Text mit dem sprechenden Titel »Denkmal für einen wissenschaftlichen Irrtum« vom Formalismus distanziert hatte, aber nicht, welch hohen Preis er für sein physisches Überleben bezahlte. Auffällig war nur die wie ein Mantra wiederholte Behauptung, er verstehe nichts von Politik, die auf das Gegenteil schließen ließ.
Viktor Schklowski war ein gebranntes Kind im doppelten Sinn: durch die Nähe zur Sozialrevolutionären Partei – unter Stalin eine Todsünde – und durch die Infragestellung des Marxismus im Namen der Literatur, deren relative Autonomie die Formalisten betonten. Der Augenblick der Wahrheit kam 1933, als 120 namhafte Schriftsteller, unter ihnen Schklowski, auf dem Dampfer »Belomor« den Eismeer-Ostsee-Kanal einweihten, den Gulag-Häftlinge, durch Hunger und Kälte dezimiert, in den felsigen Boden gerammt hatten. An Bord gab es all das, was die Führung dem Volk vorenthielt: Champagner und Cognac, Wodka und Kaviar, Kaffee und Kuchen, doch Schklowski hatte keinen Appetit: Er dachte an die Hungersnot in der Ukraine, wo durch Zwangsrequirierung von Getreide Millionen Menschen ums Leben kamen, was Stalin mit dem Slogan »schwindlig vor Erfolgen« feierte. Und er dachte an seinen Bruder Wladimir, der, zu Lagerhaft und Verbannung verurteilt, zum Kanalbau abkommandiert worden war – Umerziehung durch Arbeit hieß das. Durch Vermittlung des aus dem Exil zurückgekehrten Maxim Gorki bekam Schklowski vom damaligen GPU-Chef Jagoda die Erlaubnis, seinen Bruder zu sehen. Was dann passierte, übertrifft, wie so oft, die wildeste Phantasie: Wladimir weigerte sich, seinen Bruder Viktor zu umarmen, und nahm, um ihn nicht zu kompromittieren, die mit Geld gefüllte Packung Zigaretten nicht an, die der ihm in die Hand drückte. Die Gegenüberstellung verlief wortlos – beiden standen Tränen in den Augen. Auf die Frage des Lagerkommandanten, wie er sich fühle, soll Viktor Schklowski geantwortet haben: »Wie ein lebender Fuchs im Pelzladen.« Wladimir wurde vorübergehend entlassen, im Zuge der Säuberungen aber erneut verhaftet und erschossen, ebenso wie der Lagerkommandant Firin und GPU-Chef Jagoda, der als angeblicher Nazi-Agent im Keller der Lubjanka exekutiert wurde. Das Buch über den Bau des Eismeer-Kanals, in dem Schklowski, das Soll übererfüllend, mit mehreren Beiträgen vertreten war, wurde bald nach Erscheinen eingestampft, weil es zu viele Namen in Ungnade Gefallener enthielt; und Jagodas überdimensionales Porträt wurde vom Monument des Kanalbaus entfernt. Die zur Einweihung produzierte Zigarettenmarke Belomorkanal existiert heute noch und nur die wenigsten wissen, daß die Papirossy, die Schklowski seinem Bruder zuzustecken versuchte, ein Nebenprodukt des GULAG waren.
5 – So etwa, mit besseren Worten nur, hat Viktor Schklowski mir die Geschichte erzählt, als ich ihn im Frühjahr 1971 in Moskau besuchte, wo der weltberühmte Autor mit seiner Frau ein winziges Einzimmer-Appartement im Haus der Übersetzer an der Metrostation Aeroport bewohnte. Auf Geheiß von Leonid Breschnew wurde Stalin rehabilitiert, und als Serena Vitale, eine italienische Slawistin, Viktor Schklowski mit Genehmigung des Schriftstellerverbands im Winter 1978/79 interviewte, schlugen KGB-Leute sie bei minus 29 Grad auf der Straße krankenhausreif. Soviel zum Nachleben der totalitären Diktatur.
SINN UND FORM, Heft 2/2026, S.277-279